Projektplanung und Datenerhebung

Arnulf Deppermann/Wilfried Schütte/Hannah Ernst

Hier finden Sie eine zusammenhängende Darstellung zu den Methoden ethnografischer und gesprächsanalytischer Datenerhebung im Feld und zu Regeln, die dabei beachtet werden sollten. In einem zusätzlichen Leitfaden von Jenny Winterscheid und Thomas Schmidt werden einige der wichtigsten organisatorischen und technischen Aspekte erörtert, die es bei der Planung und Durchführung von Aufnahmen zu beachten gilt.

Zur Unterscheidung zwischen "Konversations-" und "Interaktionsanalyse"

Die Konversationsanalyse (engl. Conversation Analysis) beschäftigt sich mit der Frage, wie formelle / informelle Gespräche verlaufen bzw. verbale Kommunikation stattfindet. Heute wird in der Konversationsanalyse zunehmend die Verwendung der Sprache in den sozialen Interaktionen untersucht, bei denen die verbalen Aktivitäten nicht im Mittelpunkt stehen (conversations und institutional interactions). Daher wird der Begriff "Interaktionsanalyse" dem der "Konversationsanalyse" vorgezogen, da Konversation nur ein Teil der sozialen Interaktion darstellt.

Konversationsanalyse ist ein engerer Begriff, weil er aussagt, es gehe um Konversation, um primär-dominant verbale Tätigkeiten. Vieles Interessante und Aufnahmewürdige ist sicherlich sinnvoller als soziale Interaktion zu beschreiben, nicht als Konversation. Bei Daten, in denen Leute gemeinsam ein Videospiel spielen, fällt es schwer, das noch als Konversation zu bezeichnen. Aber es ist soziale Interaktion und damit das, was interessiert.

"Konversationsanalyse" kommt vom englischen Conversation Analysis, und tatsächlich hat sich die Konversationsanalyse anfangs hauptsächlich damit beschäftigt und auch ihre Aussagen darüber gemacht, wie conversations, also informelle Alltagsgespräche, laufen. Aber schon von Anfang an wurden auch institutionelle Gespräche untersucht. Die ersten Studien von Sacks waren Studien in einer Suizid-Beratungsstelle (vgl. Pomerantz, Fehr 2011), die ersten Studien von Schegloff Notfallanrufe bei der Polizei (vgl. Schegloff 1968; Schegloff 1979). Schon das waren eigentlich keine conversations, im Sinne informeller Alltagsgespräche.

Diese institutionellen Gespräche sind klar zweck- und rollengebunden – es gibt in ihnen nur das Professionelle und Laienrollen. Deswegen hat sich die Konversationsanalyse von vornherein auch mit verschiedenen Formen von Interaktion beschäftigt, die nicht conversations, sondern eigentlich institutional interaction waren. Teilweise hat sich die Konversationsanalyse auch mit dem Medienbereich befasst. Aber - und deswegen ist der Begriff trotzdem etwas eng - es waren immer dominant verbale Aktivitäten. Heute werden zunehmend auch alle möglichen weiteren Formen der Verwendung von Sprache in der sozialen Interaktion untersucht, bei denen die Sprache nicht notwendig dominant sein muss oder nicht in der Weise dominant ist.

Das Beispiel des gemeinsamen Videospielens verdeutlicht dies: Die Leute setzen sich nicht zusammen, um über das Videospiel zu reden, sondern um das Videospiel zu spielen. Ein anderes Beispiel ist die Interaktion im handwerklichen Betrieb: Dort reden die Leute darüber, wie sie gemeinsam eine Maschine zusammenbauen. Aber die Aktivität ist das Zusammenbauen dieser Maschine und nicht das Reden darüber. Natürlich ist das Reden darüber zentral, um diesen Handlungsprozess zu koordinieren, aber es nicht der Zweck des Zusammenkommens. Es gibt andere Dinge in der betrieblichen Ausbildung, bei denen der Zweck des Zusammenkommens auch das Reden ist, z.B. Prüfungen und Besprechungen. Ein anderes Beispiel sind Sportinteraktionen, bei denen es darum geht, dass der/die TrainerIn die Mannschaft instruiert, wie sie spielen, ihre Taktik verändern muss usw. Dann dient auch hier das Reden dazu, eine andere, eine leibliche Aktivität zu koordinieren. In diesen Fällen ist es sicherlich besser, von "Interaktionsanalyse" zu reden und nicht von "Konversationsanalyse", weil visuelle und praktische Aspekte eine größere Rolle spielen.

Zwar sind die Meinungen von ForscherInnen über die Interaktionspraxis nicht Gegenstand der Konversations- oder Interaktionsanalyse, heuristisch interessant können freilich Situationen sein, in denen die ablaufende Interaktionspraxis von der Beteiligten selbst thematisiert wird. Es gibt in der Gesprächsanalyse eine Tradition, immer die Situation besonders in den Blickpunkt zu nehmen, in der etwas nicht auf Anhieb funktioniert, wo also Missverständnisse entstehen oder Konflikte oder Beziehungsprobleme vorhanden sind. Man nimmt dann an, dass das, was normalerweise nicht manifest werden muss, dann manifest wird, indem die Beteiligten ihr Handlungswissen oder auch ihre Leitvorstellungen und Normen explizieren. Das geht bis zu den experiments with trust, in denen die Grundannahmen der Konversation zur Disposition gestellt werden. Garfinkel hat das mit diesen breaching experiments gemacht, bei denen man systematisch versucht die soziale Ordnung dadurch aufzudecken, dass man sie stört (vgl. Garfinkel 1963). Er nahm an, dass die Regeln, die im Alltag stillschweigend als gültig unterstellt werden, dann erkennbar werden, wenn man etwas tut, was gegen diese Regeln verstößt. Das hat verschiedene Konsequenzen:

  • Man sieht an den Folgen, dass vieles anders abläuft als erwartet, und es wird erkennbar, worin eigentlich die normale Erwartung besteht.

  • Leute fangen an, entweder sich für die Abweichung zu rechtfertigen oder umgekehrt die Abweichung anzumahnen, in irgendeiner Weise zu sanktionieren bzw. zu legitimieren.

Aber auch im Alltag ohne Krisenexperiment sieht man solche Regeln: Stellt man eine Frage und geht davon aus, dass die andere Person über die Information verfügt, dann wird diese sich rechtfertigen, warum er/sie die Information nicht hat. Wenn man beispielsweise fragt, wie spät es ist und diese dann antwortet: „Meine Uhr ist grad heute Morgen stehen geblieben", dann wird er/sie trotzdem nicht explizit machen: „Ich verstehe, dass du davon ausgehst, dass ich die Verpflichtung und das Wissen habe, um dir mitteilen zu können, wie spät es ist.“ Das wäre ungefähr die Rekonstruktion, die der Erwartung einer Antwort zugrunde liegt. So explizit wird es in der Regel nicht gemacht, vielmehr werden Dinge angesprochen, die in irgendeiner Weise Bezug nehmen auf diese Erwartung. Solche Momente, in denen eine soziale Ordnung zusammenbricht, zeigen, was die Ordnung ist und dass sich die Leute an der Ordnung orientieren. Dies ist in der ganzen qualitativen Sozialforschung, vor allem in der Ethnomethodologie und in der Konversationsanalyse, ein wertvolles Prinzip bzw. eine wichtige Klasse von Ereignissen gewesen.

Auf der anderen Seite bedeutet dies nicht, dass damit automatisch im Rückschluss die Regel zu rekonstruieren ist, wie die Konversation ohne Störungen verläuft. Gewisse Erwartungen sind rekonstruierbar, aber die natürlichen Praktiken, wie etwas im Routinefall läuft, sind aus dem abweichenden Fall nicht vollständig abzulesen. Man kann sehen, dass manchmal die Bezugnahmen auf Normen oder Leitvorstellungen strategisch genutzt werden, beispielsweise in der Talkshow: Mit "Lassen Sie mich ausreden, ich habe Sie auch ausreden lassen" kann man unter Verweis auf Gesprächsregeln, gegen die der/die GesprächspartnerIn verstoßen hat, und der Behauptung eigenen Wohlverhaltens die eigenen Beteiligungschancen zu vergrößern versuchen. Die Explikationen von Regeln oder Explikationen dessen, wie Leute verstehen, was sie gerade machen, sind nicht nur eine Repräsentation, im Sinne einer Abbildung, was gilt oder was der Fall ist, sondern sie sind selbst Handlung. Wenn man beispielsweise Sprecherwechselregeln expliziert und das das in dem Moment geschieht, wo man die Regeln nutzen möchte, kann das in rhetorischer Funktion geschehen um beispielsweise eine Position durchzusetzen oder das Rederecht zu erweitern. Es gibt auch Untersuchungen, ab wann Leute davon sprechen und das explizit machen, wie sie andere verstehen. Das tun Leute nicht einfach; wenn man sich unterhält, sagt praktisch niemand: "Also ich verstehe dich jetzt so, dass du das und das meinst." Solche gelegentlichen Thematisierungen lassen sich untersuchen. Typischerweise passiert das, wenn man das, was da gerade fixiert wurde, im nächsten Schritt gegen die/den andere/n oder dazu verwendet, daraus eine weitere Schlussfolgerung zu ziehen und diese erst mal mit dem anderen abzusichern. Man kann den anderen also präventiv für die eigene Schlussfolgerung vereinnahmen. Hier wird deutlich, dass selbst wenn Leute Regeln und Prinzipien ihres Handelns explizit machen das immer noch einen interaktiven Mehrwert hat. Diesen muss man analysieren; er ist nicht schon eingeholt durch das, was die Leute über sich selbst sagen.

Daten in der Konversationsanalyse sind natürliche Gesprächsaufnahmen; das können Audio- oder Videoaufnahmen sein. Dazu kommen Daten, die mit ethnografischen Methoden gewonnen werden sowie Metadaten zu den Aufnahmen; Metadaten sind soziodemografische Angaben zur Gesprächssituation und zu den beteiligten Sprechenden sowie Verwaltungsdaten für die Aufnahmedateien.(1)

Diese Feldforschung muss unter forschungsethischen Aspekten einwandfrei durchgeführt werden; das betrifft vor allem die Rolle der ForscherInnen im Feld. Zudem sind rechtliche Aspekte (Einwilligungserklärung (hier auch als PDF-Datei), Maskierung und Anonymisierung der Aufnahmen und Transkripte) zu berücksichtigen. Die im FOLK-Projekt des IDS verwendeten Einwilligungserklärungen, die hier "Einverständniserklärungen" genannt werden, können im Word- und im PDF-Format heruntergeladen werden.

Der Forschungsprozess in der Gesprächsanalyse

Der Forschungsprozess in der Gesprächsanalyse umfasst folgende Schritte:

  • Aufnahmen werden passend zur wissenschaftlichen Fragestellung geplant. Das ist oftmals ein wechselseitiger Prozess: Die Fragestellung führt zur Auswahl passender Gesprächssituationen, eine Durchsicht der Aufnahmen kann aber auch zu einer Präzisierung und Umformulierung der Fragestellung führen.

  • Beim Feldzugang muss zunächst ein Kontakt hergestellt werden.

  • Der Forscher/die Forscherin muss sich über seine/ihre Rolle im Feld Klarheit verschaffen.

  • Die Gesprächsbeteiligten müssen eine Einwilligung in die Aufnahme und ihre projektbezogene Verarbeitung geben.

  • Bei der Datenaufnahme ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an Audio und Video-Aufnahmen. Die Wahl hängt zum Einen von der Fragestellung ab (z.B. sind multimodale Analysen nur mit Video-Aufnahmen möglich, prosodische Fragestellungen lassen sich auch mit Audio-Aufnahmen verfolgen), zum anderen davon, ob von allen Beteiligten auch für Videoaufnahmen eine Einwilligungserklärung (hier auch als PDF-Datei) erteilt wurde.

Die Datenaufbereitung umfasst

  • eine Digitalisierung (falls noch analoge Aufnahmen vorliegen oder Rohaufnahmen in ein Format konvertiert werden müssen, das am PC weiter bearbeitet werden kann),

  • eine Dokumentation (Metadaten),

  • eine Inventarisierung,

  • eine Auswahl von Segmenten, die im Sinne der Forschungsfrage für eine weitere Bearbeitung relevant sind,

  • die Transkription dieser Segmente und dann

  • die Datenanalyse. Dabei werden zunächst Einzelfälle untersucht, der Fallvergleich führt dann zu Kollektionen und zu einer Theoretisierung.

Abschließend wird ein Bericht erstellt und die Untersuchten über die Ergebnisse informiert.

DFG-Handreichungen zu technischen und rechtlichen Standards für die Erstellung von Sprachkorpora

Auf Initiative des Fachkollegiums 104 "Sprachwissenschaften" wurden Handreichungen zu technischen und rechtlichen Kriterien und Empfehlungen für Erstellung die Erstellung von Sprachkorpora erarbeitet und von der DFG als Handreichung veröffentlicht:

  • Informationen zu rechtlichen Aspekten bei der Handhabung von Sprachkorpora. Die Möglichkeiten zur Nachnutzung und Archivierung mündlicher und schriftlicher Korpora sind an rechtliche Rahmenbedingungen geknüpft, die sich insbesondere aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht (APR) dem Urheberrecht und dem Datenschutzrecht ableiten. Diese Handreichung gibt Informationen über rechtliche Aspekte, die bei der Erstellung von Korpora beachtet werden sollten, um eine - nach jetzigem Kenntnisstand - gute Archivierbarkeit und Nachnutzbarkeit der Daten bei gleichzeitiger Einhaltung rechtlicher Bestimmungen zu gewährleisten.

Diese Handreichungen wurden entwickelt mit breiter Beteiligung relevanter Akteure der linguistischen Community ausgehend von drei von der DFG organisierten Expertengesprächen. Antragsteller und Gutachter für Projekte zu Sprachkorpora werden gebeten, sich mit diesen Empfehlungen vertraut zu machen. Sie enthalten wichtige Hinweise für die Erstellung technisch optimierter und rechtlich abgesicherter Sprachressourcen, die bei der Planung und Begutachtung von Forschungsvorhaben berücksichtigt werden sollten.

Aufbereitungsaufwand und Nachnutzbarkeit von Korpora gesprochener Sprache

Der als PDF beigefügte Leitfaden wurde verfasst von Thomas Schmidt, Kai Wörner, Hanna Hedeland und Timm Lehmberg, Hamburger Zentrum für Sprachkorpora / Archiv für Gesprochenes Deutsch, IDS Mannheim. Sein Zweck ist es, Kriterien für die Beurteilung von Aufbereitungsaufwand und Nachnutzbarkeit von Korpora gesprochener Sprache zu definieren. Der Leitfaden wird am AGD und am HZSK für die Vorbereitung der Übernahme vorhandener Korpora in die jeweiligen Archive verwendet. Er kann aber auch bereits in der Phase der Projektplanung nützliche Hinweise geben.

Einwilligungs- bzw. Einverständniserklärung

Vor der Aufzeichnung von Gesprächen und der Erhebung personenbezogener Daten empfiehlt es sich aus juristischer Sicht, stets die Einwilligung der Betroffenen einzuholen. Ein Text von Christina Bankhardt zur Einwilligungserklärung (hier auch als PDF-Datei) gibt juristische Informationen dazu und bietet Musterlösungen für Formulierungen in einer Einwilligungserklärung an. Die im FOLK-Projekt des IDS verwendeten Einwilligungserklärungen (hier "Einverständniserklärungen") können für verschiedene Fälle im Word- und im PDF-Format heruntergeladen werden. Standard sind Audioaufnahmen, die bei personenbezogenen Daten maskiert werden. Dazu gibt es zusätzliche Erklärungen für Videoaufnahmen und die Verwendung von Powerpoint-Präsentationen, die im aufgenommenen Gespräch verwendet werden. Bei öffentlicher Kommunikation entfällt die Maskierung, auch dafür gibt es Einverständniserklärungen für Audio- und für Videoaufnahmen.

Im Folgenden finden Sie alle relevanten Einverständniserkärungen aufgelistet:

Natürlichkeitsprinzip

„Natürlich“ bedeutet, dass im Feld vorkommende und nicht eigens für Forschungszwecke arrangierte Interaktionen aufgenommen werden. In diesem Sinne ist beispielsweise ein Interview keine natürliche Interaktion, wenn dieses eigens für Forschungszwecke arrangiert wird. Ebenfalls sind Experimente aus dem Bereich der Psychologie keine natürliche Daten, da hier Personen unter kontrollierten Bedingungen in bestimmte Situationen gebracht werden, um deren Reaktionen auf die Manipulation von bestimmten unabhängigen Variablen zu beobachten. In der Psychologie und Soziologie wird durch biographische Interviews, Leitfadeninterviews sowie Fokusgruppen untersucht, welche Vorstellungen Menschen über bestimmte Fragestellungen haben, wie sie diese interpretieren, welche Bewertungen und Erwartungen sie damit verbinden.

Im Gegensatz zu sozialwissenschaftlichen oder linguistischen sowie psychologischen methodischen Auffassungen hält sich die Gesprächsforschung an das Natürlichkeitsprinzip. Ein/e KonversationsanalytikerIn wird daher kein Interview führen, um inhaltliche Aussagen zu ermitteln. Ein/e KonversationsanalytikerIn nimmt vielmehr Daten auf, um herauszufinden, in welcher Weise bestimmte Fragestellungen in Alltagsinteraktionen oder in institutionellen Interaktionen eine Rolle spielen, d.h. in welcher Weise die GesprächteilnehmerInnen anzeigen, ob, wann und wozu diese Fragestellungen in der Interaktionen relevant werden. In konversationsanalytischen Studien zu Interviews, bei denen die Frage der Interaktion im Vordergrund steht, werden allerdings Interviews nicht als Instrument verstanden, um etwas über die soziale Praxis herauszufinden, sondern als soziale Praxis selbst. Hier werden Interviews zu Formen sozialer Interaktion analog zu Meetings, Seminarsitzungen oder Tischgesprächen.

Grundsätzlich geht es in der Konversationsanalyse darum, natürliche Gespräche, die nicht eigens für Forschungszwecke arrangiert werden, aufzunehmen. D.h. der Gegenstand der Konversationsanalyse sind die nicht für Forschungszwecke arrangierten Interaktionen (natürliche Interaktionen). Hier geht es darum, Aufnahmen zu machen und zu untersuchen, wie sich die Menschen verhalten, wenn sie nicht aufgenommen werden. Damit verbunden ist ein Beobachterparadoxon. Die Datenprotokollierung betrifft eine passive Registrierung, nicht eine Rekonstruktion (Bergmann). Bei der Datenauswertung ist eine extensive Detail- und Sequenzanalyse wichtig, nicht eine Codierung nach vorgefassten theoretischen Kategorien. Das berühmte Beobachterparadox, das William Labov, ein Soziolinguist und bekannter linguistischer Feldforscher in den 1960er Jahren ausformulierte, lautet: "Um die Daten zu erhalten, die am wichtigsten für die linguistische Theorie sind, müssen wir beobachten, wie die Leute sprechen, wenn sie nicht beobachtet werden." (Labov 1980:17). Damit stellt sich die Frage, wie die Situation des Beobachtet-Werdens das Bewusstsein verändert bzw. wie die Tatsache der Anwesenheit eines Mikrofons oder einer Kamera das Bewusstsein beeinflusst.

Die praktische Antwort darauf besteht darin, dies am Datum selbst zu prüfen und die erkennbaren Bezugnahmen herauszufinden. Woran wird erkannt, ob Menschen sich in der Situation des Beobachtet-Werdens orientieren?

  • Während der Aufnahmesituation nimmt man auf die Aufnahme Bezug, indem man darüber spricht, Blickkontakt mit der Kamera aufnimmt oder spezifisch in die Kamera schaut (es wird mit dem/der ForscherIn interagiert). Daran kann man deutlich erkennen, dass hier die Anwesenheit einer Kamera eine Rolle spielt.

  • Durch vertiefte Feldkenntnis werden die versteckten Aspekte der Anwesenheit der Kamera bemerkt (man weiß aus eigener Erfahrung, wie die Abläufe normalerweise sind). Die Bezugnahme auf die Aufnahmesituation ist nicht immer erkennbar, beispielsweise das Unterlassen/ Hervorheben bestimmter Aktivitäten oder Themen (das Verhalten im institutionellen Kontext im Einklang mit Vorgaben, die sonst nicht sehr genau genommen werden). Dies wird an Datum selber nicht erkennbar. Dafür wird eine vertiefte ethnographische Kenntnis benötigt, um die Brauchbarkeit des Datums, in dem Falle die Validität des Datums festzustellen (das ist ein Begriff aus der empirischen Sozialforschung – das Datum, das erhoben wurde ist gültig in Hinblick auf Gesamtheit, auf das Phänomen, das untersucht wird). Hier stellt sich die Frage, wie das Beobachterparadox eintritt, ob und in welcher Weise die Aufnahmesituation eine reaktive ist (die Untersuchten werden hier spezifisch auf die Tatsache des Aufgenommen-Werdens reagieren, also bestimmte Aktivitäten vornehmen / abweichend vornehmen oder unterlassen).

Bei Audioaufnahmen tritt oft das Phänomen auf, dass das Bewusstsein der Präsenz des Mikrophons für die Teilnehmenden mit der Zeit nachlässt, beispielsweise bei einem Meeting. Da alle TeilnehmerInnen in diesem Fall zum Gespräch aufgefordert werden ("Zwangskommunikation"), tritt für sie das Bewusstsein des Aufgenommen-Werdens schnell in den Hintergrund. Anders bei den Aufnahmen in der Schule: Hier werden sich manche SchülerInnen mehr mit der Aufnahme beschäftigen als mit dem Unterricht. Daran wird erkennbar, dass bei unterschiedlichen Gruppen das Niveau unterschiedlich ist, wie bewusst den Beteiligten die Aufnahme ist. Allerdings gilt dies überwiegend für Video-Aufnahmen. Bei ihnen ist die Schwelle des Aufnahme-Bewusstseins niedriger und dauert es für die Beteiligten oft länger, bis die Aufnahme nicht mehr wahrgenommen wird. Dies hängt mit der Positionierung der Kamera zusammen: Je mehr die Kamera interferiert und sichtbar wird, je mehr sie die natürlichen Vollzüge stört (beispielsweise wenn diese umarrangiert werden sollen: Die Beteiligten müssen eine bestimmte Sitzposition am Tisch annehmen, die unüblich ist), desto stärker wird ihr Einfluss auf die Daten.

Datenprotokollierung

Der/Die KonversationsanalytikerIn strebt eine passive Protokollierung an, nicht eine Rekonstruktion der Daten: Die Datenaufnahmen sollten möglichst wenig interferieren mit den natürlichen Aktivitäten, die aufgenommen werden sollen. Ein Dilemma besteht hier darin, dass wenig interferierende Aufnahmen technisch nicht besonders hochwertig sind. Andererseits würde die technische Verbesserung (etwa der Lichtverhältnisse) die Interaktion stark verändern, sodass sie keine natürliche Situation mehr darstellt.

Die passive Registrierung bedeutet daher, dass der natürliche Verlauf der sozialen Ereignisse aufgenommen wird, d.h. die Teilnehmenden werden nicht darüber gefragt, wie die Ereignisse verlaufen. Dagegen werden in der Psychologie oder Soziologie Menschen beim Interview dazu aufgefordert, zu berichten und zu erzählen. Es werden Fragen beantwortet, wie ihr Alltag verläuft, welche Einstellung sie zu einem bestimmten Sachverhalt haben. Dennoch wird nicht der Alltag selbst aufgenommen. Diese Befragungsdaten sind insofern rekonstruktive Daten. Hier berichten die Menschen über sich selbst und und schildern ihre Aktivitäten auf Grund der Erinnerung, geprägt durch diskursive Gepflogenheiten.

Im Gegensatz dazu untersucht die Gesprächsforschung das tatsächliche Verhalten während des Gesprächs und nicht die Aktivitäten, über welche Menschen berichten. Der/Die KonversationsanalytikerIn befragt nicht, sondern nimmt die Interaktion selbst auf. Im Gegensatz zur klassischen Feldforschung wird hier nicht nur beobachtet, sondern werden auch audiovisuelle Zeichnungen gemacht. Denn Beobachtungen sind selektiv und interpretativ. BeobachterInnen haben eigene Kategorien und Einstellungen. Hier werden die Originalereignisse aus dem Protokoll rekonstruiert (d.h. ob das Protokoll genau hinreichend vollständig, hinreichend objektiv gewesen ist, kann nachhinein nicht überprüft werden, da es nicht mehr möglich ist, auf das Ereignis zurückzukommen).

In der Gesprächsforschung geht es nicht um eine Kodierung nach vorgefertigten Kategorien. Dagegen wird beispielsweise in der Medizin und der Psychologie der ganze Bereich der Therapie beobachtet (nach einer Interaktion zwischen Mutter und Kind im Labor werten Psychologen die vollzogene Handlungen nach einem bestimmten Kategoriesystem: Mutter stellt Fragen, Mutter lobt, Mutter bestraft, Mutter ist aufmerksam / nicht aufmerksam). Dies bedarf keiner Aufnahme, d.h. hier wird mit kodierten Daten gearbeitet, es wird unmöglich, an die Originaldaten zurück zu kommen und zu überprüfen, ob diese Kategorien angemessen gewesen sind. Diese Situation ist nicht mehr kontrollierbar.

Bei der Gesprächsforschung werden die Video- und Audioaufnahmen transkribiert, um die Ereignisse auf einem detaillierten Niveau zu untersuchen (dieser Vorgang ist anhand des Protokolls überhaupt nicht möglich). Das Feldprotokoll ist immer viel grobkörniger und die meisten Aspekte der Interaktion (Details des Sprecherwechsels, prosodische Merkmale usw.) befinden sich jenseits dessen, was sich systematisch beobachten und protokollieren lässt (vor allem auf Grund der mangelnden Kontinuität).

Daher sind Audio- und Videoaufnahmen Voraussetzung einer Gesprächsanalyse, denn hier geht es um eine Detail- und Sequenzanalyse (sprachliche, nonverbale, prosodische), um eine Analyse der sprachlichen und nonverbalen Interaktion.

Welches Verständnis von Daten hat man in der Konversationsanalyse? Für GesprächsforscherInnen beschränkt sich das Verständnis von Daten auf die Audio- und Videoaufnahmen. Alles Weitere sind Auswertungen. Daher unterscheidet sich in der Gesprächsforschung und der Sozialwissenschaften das Verständnis davon, was Daten sind. Für einen Psychologen/eine Psychologin stellen nicht Videoaufnahmen, sondern Auswertungen primäre Daten dar.

Um den Alltag der Interaktionen aufnehmen zu können, muss man mit natürlichen Daten arbeiten. Für die Gesprächsforschung bedeutet der Alltag die soziale Praxis, die sich unabhängig von der Tatsache des Erforscht-Werdens abspielt. KonversationsanalytikerInnen geht es nicht darum, die standardisierte Situation mit eingeschränkten Möglichkeiten herzustellen. Das ist etwas, was die experimentelle Forschung auszeichnet: Hier wird versucht, den Einfluss bestimmter Variablen auf das Verhalten der Untersuchten durch das Konstanthalten der restlichen nicht interessierenden Variablen klarzustellen. D.h. alle Personen werden hier mit der möglichst gleichen Situation konfrontiert, der Unterschied besteht nur in den Variablen (wie systematisch Bedingungen variiert werden). Dies ist in natürlichen Situationen kaum möglich.

In der Gesprächsforschung wird untersucht, wie bestimmte Interaktionspraktiken organisiert sind, d.h. wie die InteraktionsteilnehmerInnen mit bestimmten Fragestellungen umgehen, wie bestimmte Gespräche verlaufen, welche und wie sprachlich-kommunikative Formen eingesetzt werden. D.h. es geht erst einmal um die Rekonstruktion des Wies, der Verfahren, der Praktiken sowie um die Frage, wozu diese Praktiken eingesetzt werden.

Es gibt wichtige Motive für dieses Natürlichkeitsprinzip: Ein gesprächsanalytisch relevantes Ereignis ist der Interaktionsalltag, nicht eine künstlich standardisierte Situation mit eingeschränkten Reaktionsmöglichkeiten. Die Datenprotokollierung muss sich nach dem "logic in use" (Kaplan 1964) richten, also an die Normen und Standards halten, die die Art und Weise regeln, wie "gute" Forschung durchzuführen ist und belohnt wird. Die Datenprotokollierung darf sich folglich nicht von Meinungen über die Interaktionspraxis leiten lassen. Die Datenauswertung fokussiert auf Relevanzen für die TeilnehmerInnen und ermöglicht es, Phänomene, Muster und Strukturen am Material zu entdecken. Sie soll nicht von den Relevanzen der BeobachterInnen geprägt sein und vorformulierte Hypothesen prüfen. Eine Befragung darüber, wie und warum Menschen in einer bestimmten Weise handeln, bedeutet eine für das Handeln wirksame und adäquate Ideologisierung und Selbstdeutung der TeilnehmerInnen. Dagegen geht es in der Konversationsanalyse darum, die Prinzipien herauszufinden, nach denen das Handeln vollzogen wird - dies wird für die InteraktionsteilnehmerInnen selber oft nicht ohne Weiteres explizit. Es geht nicht um eine psychoanalytische oder kritische Auffassung, sondern darum, epistemologisch neutral zu sein.

Zu handeln und über das eigene Handeln nachzudenken sind selektive Prozesse, die von den Gedächtnisprozessen, von dem Auflösungsgrad, den Ideologien und Diskursen, an denen teilgenommen wird, sowie der Interaktionssituation beeinflusst werden. Daher sind diese voneinander zu trennen. Dennoch sind Menschen im Alltag die allerersten Experten für sich selbst. Daher ist es wichtig, Menschen über die Gesprächsaufnahme hinaus zu befragen, wie sie das, was sie tun, selbst interpretieren - warum sie das tun, welche Meinung sie dazu haben, welche Hintergründe erklärungsbedürftig sind.

In der Datenauswertung geht es daher darum, zu erkennen, wie die TeilnehmerInnen handeln, mit welchen Praktiken und in der Orientierung an welche Relevanzen (an welchen Zielen, Aufgaben und Gesprächszwecken) die Gespräche und Interaktionen organisiert werden. Dafür werden Daten benötigt, die Entdeckungsmöglichkeiten bereitstellen.

Mit kodierten Daten sind diese Entdeckungen nicht mehr möglich, weil die Codes schon vorgegeben sind. In diesem Fall können nur Hypothesen aufgestellt werden, d.h. vor der Untersuchung wird festgelegt, welche Fehler relevanterweise möglich sind. Nachträglich wird bestätigt, ob die gestellten Alternativhypothesen angenommen oder verworfen werden. D.h. es wird vor der Untersuchung festgelegt, was potenziell aus der Untersuchung herauskommen könnte. Dies ist in der Gesprächs- oder Interaktionsanalyse grundsätzlich anders. Hier gelangt man induktiv, d.h. anhand der Daten selbst zu Entdeckungen. Dabei müssen die Daten widerständig oder widerborstig sein d.h. durch die Daten wird etwas entdeckt, was vorher nicht erwartet wird.

Beispiel Arzt-Patienten-Gespräche: Beispielsweise würde man bei einer Stichprobe aus einem Korpus von Arzt-Patienten-Gesprächen sicherlich in mindestens 50% der Gespräche auf Interaktionsstellen stoßen, die man ohne den Kontext nie als medizinisches Gespräch identifiziert hätte: Da wird psychologisiert, Alltagsklatsch betrieben, da werden biografische Erzählungen produziert, da wird über die Aufnahmesituation geredet. Man könnte einwenden, da sei etwas schiefgelaufen und das seien keine richtigen Arzt-Patienten-Gespräche - aber das wäre ein sinnloser normativer Standpunkt, wenn man sich dafür interessiert wie sich soziale Praxis tatsächlich abspielt. Vielmehr kann dieser Befund neugierig machen – man sieht in diesen Daten, dass Arzt-Patienten-Gespräche offensichtlich aus ganz anderen Dingen bestehen als sie normativ sollten und als man erwartet. Sinnvolle Überlegungen sind u.a.:

  • Welche Funktion hat das?

  • Wie ist das organisiert?

  • Wie kommen die TeilnehmerInnen dazu, genau das zum Gegenstand im Arzt-Patienten-Gespräch zu machen?

  • Wie verhält sich dieses nicht-professionelle Kommunizieren zu dem, was dann tatsächlich die professionellen Gehalte sind?

  • Was spielt das für eine Rolle für Fragen der Vertrauensbildung oder compliance im Arzt-Patienten-Gespräch?

  • Welche Rolle spielt das für emotionale Entlastung von Patienten?

  • Wo wird es möglicherweise problematisch, weil die Ärzte mit ihrer Autorität in andere Bereiche der Lebensführung hineingehen, die eigentlich eher psychologischer Natur sind, wofür sie dann nicht mehr ausgebildet sind?

Alle diese Fragestellungen kann man dann gut und erkennbar an solchen Materialien analysieren. Man wäre aber auf sie vorher wahrscheinlich überhaupt nicht gekommen, wenn man von vornherein nur davon ausgegangen wäre, dass das Arzt-Patienten-Gespräche sind, und man vorab zu wissen glaubt, was die Strukturen und Aufgaben in einem Arzt-Patient-Gespräch sind. Man hätte damit eine weitere Entdeckungsmöglichkeit: In diesen Gesprächen spielen offensichtlich regelmäßig, rekurrent und systematisch organisiert bestimmte Dinge eine Rolle, die man vorher nicht erwartet hatte, und jetzt hat man die Möglichkeit diese datengestützt zu entdecken und ihnen nachzugehen.

Grundlegendes für die Datenerhebung

  • Fragestellung: Eine Untersuchung beginnt mit einer Fragestellung. Sie kann relativ eng sein, sollte aber für konversationsanalytische Zwecke nicht zu eng sein, weil man sich dann selbst die Möglichkeit nimmt Entdeckungen zu machen. Auf jeden Fall wird sie aber in der Regel involvieren, dass man in ein bestimmtes Untersuchungsfeld, d.h. in ein bestimmtes Feld der sozialen Praxis hineingehen will.

  • Feld-Begriff: Ein Feld ist nicht einfach zu definieren. Der Begriff lässt sich leichter an Beispielen erläutern. Ein Feld kann eine Institution sein, eine soziale Gruppe oder ein Ausschnitt aus einem sozialen Milieu, der durch ein bestimmtes soziales Netzwerk charakterisiert ist. Ein Feld kann auch ein bestimmtes soziales Setting sein: ein sozialer Schauplatz, wo man wissen möchte, was auf dem Schauplatz, zum Beispiel auf dem Markt, im Krankenhaus oder auf dem Gang im Krankenhaus passiert. Das führt schon je nach dem, was man als Feld definiert, zu gewissen Unterschieden. Beispiel Krankenhaus: Man kann sagen, ein Feld sei ein Schwesternteam und sein Funktionieren. Dann müsste man dafür sorgen, dass dieses Team in allen möglichen Arbeitskontexten aufgenommen wird. Ein anderes potentielles Feld wäre schauplatzgebunden der Gang im Krankenhaus: Was passiert dort? Dann erhält man einen anderen Ausschnitt von Praxis, denn dann hat man auch andere Beteiligte. In diesem Feld sind auch Ärzte, Patienten und Angehörige beteiligt. Wählt man eine Schule als Feld, muss man vorab überlegen, welche Interaktion untersucht werden soll: Ist es die Lehrer-Schüler-Interaktion im Klassenraum oder sind es andere Kontexte, in denen beispielsweise eher die Lehrer-Lehrer- oder die Lehrer-Eltern-Interaktion eine Rolle spielen? Und welche Schauplätze und Situationen spielen da eine Rolle? „Feld“ heißt in dem Sinne auch, dass man sich die natürlichen Aktionsstrukturen dieses Feldes anschauen muss. Das heißt, man sollte sich nicht nur auf eine Art von Interaktion fixieren und nur diese untersuchen. Vielmehr muss man, in enger Anlehnung an die Ethnographie, die Zusammenhänge dieser Interaktion beachten: Mit welchen anderen Interaktionen ist sie verbunden? Was muss man eventuell noch aufnehmen? Welche Hintergrundkenntnisse braucht man? Daran schließt sich auch die Frage an, wo man die Beteiligten aufnehmen sollte. Bei der Aufnahme eines Arzt-Patienten-Gespräches beispielsweise ist die verbale Interaktion mit Arzt und Patient immer mit einer körperlichen Untersuchung verbunden. Hier ist die Überlegung notwendig, ob und in welcher Weise diese Phasen mit aufgenommen werden und inwiefern sie zum Untersuchungsgegenstand werden sollen.

Feldzugang

Auch wenn die Frage nach dem Zugang zu einem Feld zunächst trivial erscheinen mag, ist sie das in der Weise nicht, dass es praktisch nicht möglich ist, sich am runden Tisch hinzusetzen, zu sagen, dass man dieses Feld erheben möchte, und direkt mit der Aufnahme zu beginnen. Vielmehr muss man einen Zugang zu dem Feld haben. In der Regel gibt es drei Möglichkeiten Zugang zu einem Feld zu erhalten:

  1. Zugang als TeilnehmerIn in einem Feld: Hier sind die ForscherInnen selber TeilnehmerIn in dem Feld, welches er/sie untersuchen möchte. Ein Großteil der aufgenommenen Daten stammt zum Beispiel daher, dass ForscherInnen im Verein sind, ein Praktikum in einer Firma gemacht haben und somit selbst in dem Feld schon eine Teilnehmerrolle hatten. So hatten die ForscherInnen auch eine bestimmte Fragestellung oder haben bestimmte Dinge bemerkt, die interaktionsbezogen interessant sind. Ein Beispiel ist eine Aufnahme von einer Rettungsinteraktion. Diese hat ein Rettungssanitäter selber gemacht, weil er gesehen hat, dass die Interaktion im Team und mit den Patienten in der Koordination ein großes Problem ist, das aber in der Ausbildung nicht thematisiert wird. Diese Interaktion hat er aufgenommen und in seiner Abschlussarbeit untersucht. Die Möglichkeit hatte er, weil er selber eine Teilnehmerrolle in dem Feld hatte (diese Aufnahmen sind als Sprechereignis-Art „Institutionelle Kommunikation: Training in einer Hilfsorganisation“ seit Anfang 2014 auch im FOLK-Korpus in der DGD vertreten; vgl. http://dgd.ids-mannheim.de). „Teilnehmerrolle“ heißt, dass man in dem Feld, in der natürlichen sozialen Praxis, eine Rolle hat, die unabhängig ist von dem Status als ForscherIn. Dadurch entstehen Doppelrollen, wenn man einerseits TeilnehmerIn und andererseits ForscherIn, BeobachterIn ist.

  2. Zugang über Bekannte: Die zweite Möglichkeit ist, dass man jemanden kennt: Über Verwandte, Bekannte, Freunde kann man Zugang zu einem Feld erhalten.

  3. Anonymer Zugang: Die dritte Möglichkeit ist anonym ohne vorherige Kenntnis in das Feld hineinzukommen. Hier muss man zunächst eine Übersicht und Kenntnisse über die sogenannten gatekeeper gewinnen: Wer sind die Türöffner, durch die man in das Feld gelangt? Das ist eng verbunden mit zwei verschiedenen Dingen: Man muss sich überlegen, wer in dem Feld ein legitimes Interesse haben kann und ansprechbar ist, dass man Aufnahmen machen kann. Aufnahmen zu machen ist immer eine heikle Sache denn es geht immer um die Frage von Vertrauen, von Einsicht gewähren in Dinge, die man Dritten nicht unbedingt gewähren will - vielleicht gar nicht, weil man Dinge macht, die verboten sind oder die man nicht tun sollte, sondern einfach weil man nicht weiß, wie diese Dinge von anderen interpretiert werden, was andere daraus machen. Das hat sich in den Zeiten des Internets dramatisiert, wo viele Aufnahmen auch diskreditierend benutzt werden. Die Bereitschaft, auf Audio oder Video aufgenommen zu werden, ist dadurch bei vielen Leuten nicht gewachsen, bei anderen ist es jedoch normaler geworden. Es gibt beide Auswirkungen: Einerseits sind die Ängste größer geworden, was damit gemacht werden kann. Auf der anderen Seite ist es normaler geworden, dass Audio- und Videoaufnahmen aus Alltagszusammenhängen öffentlich verfügbar sind. Viele Leute veröffentlichen vergleichbare Aufnahmen selber regelmäßig über Facebook, YouTube und weitere Soziale Medien, und zumindest rezeptiv, durch den Wandel der Medienlandschaft seit den 80er Jahren und durch die zunehmende Veralltäglichung der Fernsehformate ist es auch für jede/n als Rezipienten/Rezipientin zunehmend normal Leute in mehr oder weniger alltäglichen Situationen zu sehen. Einen gatekeeper zu finden, bedeutet also jemandem sein Anliegen nahe bringen zu können, der eine Teilnehmerrolle in dem Feld hat. Eine zweite Sache ist ebenfalls sehr wichtig, man sollte sie relativ früh versuchen gut einzuschätzen: Wer hat überhaupt die Autorität in dem Feld, einen hineinzulassen, bzw. auch so einen Einfluss auf die anderen TeilnehmerInnen, dass er/sie als Multiplikator dienen kann? Erfahrungsgemäß ist es immer sehr viel einfacher, wenn es jemanden in dem Feld gibt, der den ForscherInnen den Zugang zu dem Feld bahnt, als wenn man selber versucht sich als völlig Unbekannte/r mit einem Anliegen, was die prospektiven Untersuchten nicht besonders interessiert oder auch nicht leicht verständlich ist, einen Zugang zu verschaffen. Beispielsweise sind Aufnahmen im Bereich des Rechts oder auch Schulaufnahmen besonders heikel. Selbst wenn einzelne LehrerInnen erlauben, Aufnahmen im Unterricht zu machen, ist damit noch längst nicht gesagt, dass die LehrerInnen überhaupt die Befugnis dafür haben. Gegebenenfalls müssen der/die RektorIn oder gar das Oberschulamt mit einbezogen werden, um die Studie machen zu dürfen. Diese Bedingungen müssen auch berücksichtigt werden und sollten möglichst früh abgeklärt werden, damit die Aufnahmen später nicht irgendwann plötzlich stocken, obwohl man den Eindruck hatte, dass man mit den unmittelbar betroffenen Leute eine Einigung erzielt hatte.

Rollen der ForscherInnen im Feld

Als ForscherIn kann man im Feld unterschiedliche Rollen haben:

  1. TeilnehmerIn: Häufig können ForscherInnen selber eine Teilnehmerrolle in dem Feld einnehmen. Z.B. in der Psychotherapieforschung ist es gängig, dass die Psychotherapeuten selber die Therapie durchführen und gleichzeitig auch die AnalytikerInnen sind. Sie sind demnach vollständige und nicht nur beobachtende TeilnehmerInnen. Diese Rolle bringt das Problem mit sich, sich selbst analysieren zu müssen. Besonders wenn man nicht standardisiert analysiert, wenn man nicht mit klaren Operationalisierungsanweisungen arbeitet, sondern wenn man interpretativ vorgeht, kann es zu Problemen kommen: Zum einen gibt es den Bereich des Selbstschutzes, dass man gewisse Dinge, die man über sich nicht hören und an sich nicht sehen möchte, nicht bearbeitet oder nicht wahrnimmt. Zum anderen hat man häufig sehr feste Überzeugungen darüber, was man tut, warum man etwas tut und was die eigene Arbeit zu bedeuten hat. Aber diese festen Einstellungen erleichtern eine objektive und unvoreingenommene Interpretation nicht. Deswegen ist das in der Regel nicht uneingeschränkt empfehlenswert und wird problematischer bei Fragestellungen, die den ForscherInnen persönlich wichtig sind, beispielweise im psychologischen Bereich, bei Fragen der Identität, Beziehungsgestaltung und Einstellung.

  2. Beobachtende TeilnehmerInnen: Des Weiteren gibt es die Option, dass man beobachtende/r TeilnehmerIn ist: Man hat eine Rolle im Feld, aber man beobachtet auch. Das gilt z.B. für eine Untersuchung zur Jugendkultur (Deppermann, Schmidt 2001a; Deppermann, Schmidt 2001b; Deppermann et al 2002; Deppermann et al 2003): Der Forscher Axel Schmidt war Mitarbeiter in der freien Jugendarbeit, kannte die Jugendgruppen dadurch, hatte somit den Zugang zu ihnen und hat so hat die Aufnahmen gemacht. Auch den Jugendlichen war bewusst, dass er Aufzeichnungen macht. Er war einerseits Teilnehmer in der Rolle des Jugendgruppenleiters, andererseits aber auch Beobachter in dem Sinne, dass er Notizen gemacht und die Aufnahmen vorgenommen hat.

  3. Teilnehmende BeobachterInnen: Zusammenfassend bedeutet die Rolle der teilnehmenden BeobachterInnen, dass ForscherInnen an der Interaktion teilnehmen, aber primär BeobachterInnen sind. Die Rolle als TeilnehmerIn kann eine unterschiedliche Intensität haben. Beispielsweise bei Aufnahmen im Bereich der Jugendkommunikation braucht man eine Rolle in dem Feld, die die Teilnahme ermöglicht aber unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Z.B. kann der/die ForscherIn in einem Jugendclub mithelfen, Getränke verkaufen oder ähnliches. Diese Art der Teilnahme geschieht in der Praxis häufig. Unabhängig vom Untersuchungsgegenstand benötigen ForscherInnen in irgendeiner Weise eine legitimierte Rolle, die über die Forscherrolle, also über eine reine Beobachterrolle hinausgeht. Diese Position erleichtert die Arbeit, da die Akzeptanz mit der Legitimation für den Aufenthalt in dem Feld steigt. Deswegen gibt es häufig subsidiäre Rollen, bei denen man Unterstützungsleistungen liefert, die einen zu einem legitimen Mitglied der primären sozialen Praxis machen. Dennoch kommt diese zusätzliche Rolle hinzu, da diese Rolle erst mit der Forschung entsteht und nicht schon vorab existierte. Der Unterschied zwischen beobachtenden TeilnehmerInnen und teilnehmenden BeobachterInnen lässt sich so veranschaulichen: Ein beobachtende/r TeilnehmerIn ist jemand, der/die schon eine zentrale und tragende Rolle in dem Feld einnimmt, aber darüber hinaus erkennbar als ForscherIn agiert, während der/die teilnehmende BeobachterIn jemand ist, der/die von außen hinzukommt. Das ist eine neue Rolle, die für den primären Untersuchungszusammenhang wichtig ist. Die Rollen als TeilnehmerIn und ForscherIn können sich manchmal gegenseitig stören. Als beobachtende/r TeilnehmerIn muss man auch die Rolle als TeilnehmerIn wahrnehmen und darf die damit verbundene Verpflichtung nicht vernachlässigen. Bei der Aufnahme von Orchesterproben beispielsweise kann man als beobachtende/r TeilnehmerIn seine Rolle als MusikerIn im Orchester nicht vernachlässigen und die Aufmerksamkeit nur auf die Aufnahme legen (vgl. Schütte 1991). Umgekehrt kann auch die Forscherrolle durch die Teilnehmertätigkeit beeinträchtigt werden. So kann z.B. die optimale Aufnahme oder die richtige Kameraeinstellung nicht unablässig überprüft werden, wenn man als TeilnehmerIn anderweitig eingebunden ist. Auch kann der/die ForscherIn als beobachtende/r TeilnehmerIn häufig selber zum Gegenstand der Interaktion werden und muss sich somit selber analysieren.

  4. Die ForscherInnen haben keine Rolle im Feld – dabei gibt es zwei Möglichkeiten:

    1. Das Forschungsteam kann sich aufteilen, sodass einige Mitglieder des Teams für die Aufnahmen zuständig sind und andere für die Auswertung. Diese Aufteilung wird häufig praktiziert. In diesem Fall ist zwar ein/e Beauftragte/r der ForscherInnen im Feld. Dieser ist aber nicht in Personalunion identisch mit der Person, die auswertet. Das macht bereits einen großen Unterschied und hat für die Auswertung oft eine hilfreiche Funktion. Im besten Fall können bei der neutralen Auswertung die Kenntnisse aus dem Feld mit einbezogen werden. Man kann einerseits das spezifische Hintergrundwissen des Feldes nutzen, das häufig benötigt wird, um bestimmte Dinge zu verstehen, beispielsweise um Einsicht in die Institution, in das Beziehungsgeflecht und die Ansichten der Aufgenommenen zu bekommen. Auf der anderen Seite ist aber durch die feldfremden AuswerterInnen die notwendige neutrale Perspektive gegeben, um Dinge entdecken zu können, die quer zu den Erwartungen, zum Vorverständnis und vermeintlichen Wissen über das Feld laufen. Das ist meistens eine fruchtbare und hilfreiche Konstellation, um zu wirklich guten Ergebnissen zu kommen. Bei anderen Arbeitsweisen des Forscherteams können Probleme in beide Richtungen entstehen: Zum einen besteht die Gefahr, dass der/die ForscherIn zu ethnographisch arbeitet. Dies meint auch das Problem des going native, was bedeutet, dass man sich so mit der Teilnehmerperspektive identifiziert, dass man in der Analyse eigentlich nur die Selbsteinschätzung der TeilnehmerInnen verdoppelt. Durch die Interviews scheint das oft gut abgestützt zu sein, weil man dort eine Bestätigung hören kann. Gewisse Strukturen in den Daten, die dem widersprechen, werden nicht erkannt oder nicht bearbeitet, weil man die Selbststilisierung der TeilnehmerInnen verdoppelt hat. Das andere Problem ist, dass es zum Teil zu grotesken Fehlinterpretationen kommen kann oder wichtige Aspekte übersehen werden, weil die AuswerterInnen nicht über die notwendigen Hintergrundkenntnisse verfügen und den größeren Interaktionskontext nicht einschätzen können. Ohne Unterstützung kann er/sie nicht überblicken, was vor und nach der Aufnahme geschah. Der/Die ForscherIn weiß nicht, unter welchen Handlungsrestriktionen die Beteiligten agieren, weil er nur die technischen Informationen zu der Aufnahme hat.

    2. Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Untersuchten sich selber aufnehmen und kein Forscher anwesend ist. Auch hier gibt es Vor- und Nachteile. Ein großer Nachteil tritt häufiger auf: Die Aufnahmen sind nicht so gemacht, wie sie die ForscherInnen gerne haben würde. So werden die Geräte beispielsweise zu spät angestellt, sie werden zu früh abgestellt, sie werden audio- und videotechnisch nicht gut eingerichtet oder nicht optimal positioniert. Diese Fehler sind meistens die Hauptprobleme bei selbstgemachten Aufnahmen. Ein großer Vorteil ist allerdings, dass man häufig nur so in den Kontext hineinkommt, in dem Außenstehende ansonsten nicht in Erscheinung treten. Bei der Untersuchung der Kommunikation Jugendlicher wurden beispielsweise Aufnahmen verwendet, die die Jugendlichen selber gemacht haben: Sie hatten einen Bauwagen, der für Erwachsene eine verbotene Zone war. Auch der Jugendgruppenleiter hatte dort keinen Zutritt. Die Aufnahmen konnten nur entstehen, weil die Jugendlichen bereit waren sie selber zu machen. Auch in Vereinen und Sitzungen, in denen eigentlich keine Außenstehenden zugelassen sind, muss diese Bereitschaft gegeben sein, damit ForscherInnen Aufnahmen bekommen können ohne eine Rolle im Feld zu haben.

Gefahren bei der Datenerhebung und Auswertung

Gewisse Gefahren können sowohl bei der Datenerhebung als auch bei der Auswertung auftreten. Bei ausgedehnten Feldforschungsprojekten ist es daher üblich und sinnvoll, dass die FeldforscherInnen sogenannte Supervisoren bekommen. Das bedeutet, dass man sich mit Kollegen/Kolleginnen oder gegebenenfalls auch mit geschulten Psychologen/Psychologinnen zusammensetzt und bespricht, welche Beziehungserfahrungen und Beziehungsprobleme man während der Feldforschung erlebt, um damit besser umgehen zu können.

  1. Parteilichkeit: Parteilichkeit kann einerseits schon in die Fragestellung eingebaut sein, was schnell bei emanzipativen Fragestellungen passiert, die etwas mit Gleichberechtigung, mit Tabus oder mit Macht und Status zu tun haben. Hier wird schnell schon in der Fragestellung festgelegt, wer der Gute und der Böse ist. Das kann problematisch sein, weil der/die ForscherIn damit von vorneherein voreingenommen ist und daraus viele Konsequenzen folgen können: Es kann sein, dass man sehr unterschiedlich mit den verschiedenen Beteiligten kommuniziert oder sich sehr unterschiedlich darum bemüht, die Perspektiven der verschiedenen Beteiligten zu erfassen. Ungleichbehandlungen können entstehen, weil man mit manchen Beteiligten lieber interagiert als mit anderen und die eher meidet, weil es einem unangenehm ist, man sie nicht mag oder sie als „Feinde“ versteht. Diese unterschiedliche Sympathieverteilung kann so weit führen, dass ForscherInnen nur bestimmte Ereignisse im Feld aufnehmen, an denen die Leute beteiligt sind, mit denen sie gut können, während die ForscherInnen die anderen meiden und keine Aufnahmen machen, obwohl diese für ein vollständiges Bild notwendig sind. Parteilichkeit muss nicht erst bei der Auswertung zu einem Problem werden, sondern kann schon bei der Erhebung auftreten. Die Identifikation mit Feldakteuren, going native, ist eine paradoxe Erscheinung. Deswegen ist es nicht nur als Gefahr zu verstehen, sondern gleichzeitig auch als Nutzen der Feldforschung. Natürlich ist ein gewisses going native in Form von Kennenlernen der Perspektive der Feldakteure auf sich selber der Sinn der Feldforschung. Es wird nur dann zu einem Problem, wenn die ForscherInnen sich kritiklos, alternativlos damit identifizieren, es nicht schaffen sich den Daten gegenüber immer wieder fremd zu machen. Das bedeutet die Daten vielleicht aus einer anderen Theorie heraus zu betrachten oder auch andere alltagsweltliche Perspektiven einzunehmen und zu sehen, ob nicht ganz andere Prinzipien dem Handeln der Akteure zugrunde liegen können als bisher vermutet.

  2. Die Beziehung der ForscherInnen zum Feld: Zu einem Problem können auch die Erwartungen des Feldes werden. Schon bei dem Zugang zu einem Feld müssen die ForscherInnen den Akteuren etwas in Aussicht stellen, damit sich diese aufnehmen lassen. Dazu gehört häufig ein gutes Verhandlungsgeschick und Sensibilität, um zu erkennen was an der Untersuchung für die Personen des Feldes von Interesse sein kann. Gibt es vielleicht auch für die Aufgenommen einen Nutzen? Dieser muss nicht dem primären Nutzen der ForscherInnen entsprechen, kann aber die Aufnahmen für die Feldakteure attraktiv machen. Gerade bei institutioneller oder organisationaler Interaktion ist das häufig der Fall. Bei Lehrer-Eltern-Gesprächen kann die Interaktionsforschung beispielsweise Ergebnisse bringen beziehungsweise ist darauf angelegt, zur Optimierung der Praxis, zur Vermeidung und Sensibilisierung gewisser Probleme sowie zur Entwicklung von Trainings- und Beratungskonzepten beizutragen (vgl. Berkling 2010; Hennig, Ehinger 2012; Jensen, Jensen 2008; Kohn 2011; Lanig et al 2013; Seeger, Seeger 2010). Die Kehrseite ist, dass die ForscherInnen schnell funktionalisiert werden können, da einzelne Akteure im Feld die Möglichkeit entdecken, die Aufnahmen als Hebel zu verwenden, um ihre Kontexte zur Geltung zu bringen. In der Praxis versucht praktisch jede/r, die/den man aufnimmt und mit dem man redet, den ForscherInnen oder AufnahmeleiterInnen zu vermitteln, was in dieser Organisation schon längst hätte geändert werden müssen, warum sie nicht hinreichend anerkannt werden und was alles schiefläuft. Das ist eine heikle Sache. Diese Versuche der Beeinflussung begegnen den ForscherInnen nicht nur von oben: Die Bedenken sind häufig, dass nach der Erlaubnis des/der Chefs/Chefin für die Aufnahmen die Untersuchten Angst haben, da sie vermuten der/die ChefIn genehmigt dies nur, um die unteren Abteilungen auszuhorchen oder zu kontrollieren. Häufig stimmt diese Vermutung auch. Doch selbst dann weiß man das als ForscherIn nicht und kann dieses Motiv lediglich vermuten. Umgekehrt sollte man nicht denken, dass die MitarbeiterInnen dumm und naiv sind – sie machen es genauso; sie versuchen die ForscherInnen als BeraterInnen zu instrumentalisieren, die Kraft eines externen Amtes sagen können, wie man es machen muss und die Interessen der MitarbeiterInnen bei dem/der ChefIn durchsetzen. Hier muss man als ForscherIn vorsichtig sein und die Balance halten. Wenn man sich bloß abgrenzt, zerstört man schnell die nötige Beziehungsbasis, d.h. man muss mit den Leuten reden, sensibel sein und die Erwartungen wahrnehmen. Aber vorschnelle Versprechungen oder einseitige Solidarisierungen können ebenfalls problematisch sein. Zu der richtigen Einschätzung wird eine hohe soziale Kompetenz benötigt.

  3. Alltagsbezug der Daten: Ein Problem in der Gesprächsanalyse ist generell, dass Alltagsdaten vorliegen und die Alltagsweltlichkeit der Daten oft nahelegt, sie auch alltagsweltlich zu verstehen. Das bedeutet, so vorzugehen, wie man es im Alltag tut, dass man in der Regel moralisch und motivverstehend vorgeht. Die Dinge werden nach gut oder schlecht, authentisch oder strategisch, echt oder unecht bewertet und nach den Motiven befragt. Das ist jedoch nicht der Ansatz der interaktionsanalytischen Arbeitsweise. Bewertung ist kein wissenschaftliches Verfahren. Sie kommt höchstens in der angewandten Forschung hinzu, aber für die Grundlagenforschung ist Bewertung kein Prinzip. Ein rekonstruktives Verstehen und die Frage nach Motiven und Intentionen ist als Ausgangspunkt zum einen problematisch, weil man sich damit auf eine Ebene begibt, die nicht beobachtbar ist, zum anderen weil diese Intentions- und Motivzuschreibung in der Regel auch nicht viel hilft. Vielmehr liegt das Interesse darauf, wie sich Interaktionen tatsächlich entwickeln, nach welchen Prinzipien sie organisiert sind und wie InteraktionsteilnehmerInnen aufeinander eingehen. Hier helfen Motive nur sehr begrenzt, auch wenn häufig Zuschreibungen von Funktionen der Handlung eine Rolle spielen, aber in dem Sinne was eine bestimmte Handlung leistet, d.h. welche Anschlüsse sie möglich macht, welche sie unmöglich macht und auf welche Interaktionsentwicklungen sie reagiert.

Pflichten gegenüber dem Feld

Als ForscherIn hat man Pflichten gegenüber dem Feld: Man möchte von dem Feld Aufnahmen für die Untersuchung und muss daher etwas anbieten. Dies sollte man sich früh überlegen, um das eigene Vorhaben attraktiv zu machen, um Vertrauen und die Bereitschaft zur Mitarbeit herzustellen. Bei der Aufnahme von Daten sind bestimmte ethische Richtlinien zu beachten. Sie beinhalten einerseits die rechtlichen Restriktionen, gehen aber andererseits auch darüber hinaus. Es geht darum, dass man in einer verantwortungsvollen und umsichtigen Weise mit den Untersuchten umgeht, denn für die Feldakteure können negative Konsequenzen aus der Forschung entstehen, die weit über das hinausgehen, was rechtlich definiert und kodifiziert ist. ForscherInnen haben weitere Pflichten dem Feld gegenüber, wie zum Beispiel die Rückmeldung, die man anbieten sollte. Es gibt viele Forschungsfelder, die kein Interesse an einer Rückmeldung haben. In der Jugendkommunikation beispielsweise wollen die Jugendlichen nicht ausführlich erklärt bekommen, was die ForscherInnen mit den Daten untersuchen möchten. Die finden das langweilig und wollen zu den Aufnahmen keine Erklärungen. In anderen Kontexten ist es natürlich wichtig für die Vertrauensbildung und ein Gebot der Fairness, dass man nicht nur am Anfang eine Rückmeldung verspricht, sondern dass man nach dem Abschluss der Untersuchung wirklich mit einer Rückmeldung und einem Bericht an die Untersuchten geht. In der Regel kann das nicht einfach darin bestehen, dass man die Magisterarbeit oder den Forschungsaufsatz vorzeigt, weil das nicht das textuelle Format ist, mit dem die Leute etwas anfangen können. Vielmehr sollten die ForscherInnen auf jeden Fall ein persönliches Beratungsgespräch anbieten oder einen kurzen für Laien interessanten, ausgedünnten und nicht-technischen Bericht von maximal fünf Seiten schreiben.

Ethnographische Methoden

Der Begriff Ethnographie lässt sich zerlegen: Ethnie bedeutet ´soziale Gemeinschaft´, was man früher mit Volk übersetzte. Graphie heißt `Beschreibung von`. Demnach steht der Begriff Ethnographie für die Beschreibung von sozialen Gruppen. Ethnographie ist für den Kontext der Interaktionsforschung eine ergänzende Methode. Die Ethnographie selber ist eine eigene methodische Ausrichtung, bei der die Interaktionsanalyse sowie die Arbeit mit Audio- und Videoaufnahmen nicht im Vordergrund stehen bzw. diese Aufnahmen nur eine Quelle unter anderen sind. In der Interaktionsforschung sind die zentralen Daten immer die Aufnahmen von Gesprächen und die Interaktion. Aber um diese Daten richtig kontextualisieren zu können, benötigt auch die Interaktionsforschung zusätzliche Wissensbestände. Das Hintergrundwissen ermöglicht es den ForscherInnen, die Perspektiven der TeilnehmerInnen auf ihre eigene Praxis zu verstehen und Wissen über semiotische Ressourcen, die in den Aufnahmen selber eine Rolle spielen zu gewinnen. Zu dem notwendigen Hintergrundwissen gehören auch Dokumente und Objekte, die im Feld eine Rolle spielten. In der Unterrichtskommunikation wird beispielsweise in den Aufnahmen Bezug genommen auf Tafelbilder, Unterrichtsmaterialien, Powerpoint-Präsentationen und ggf. naturwissenschaftliche Anschauungsobjekte. Das heißt zusammenfassend, dass semiotische Produkte, Felddokumente wie Fotos und Publikationen oder Dinge, die im Feld selber erzeugt worden sind, mit gesammelt und erhoben werden müssen. Die teilnehmende Beobachtung ermöglicht mehr soziale Ereignisse des Typs zu beobachten als nur die, die man aufgenommen hat. Das erlaubt es den ForscherInnen eine präzisere Abschätzung zu leisten, wie repräsentativ, wie typisch die Dokumente sind, die aufgenommen wurden: Passiert in ähnlichen, vergleichbaren Situationen noch etwas ganz anderes? Interessant ist auch der Umgang mit den Daten im Feld: Was passiert vorher? Was passiert nach der Aufnahme? Wie sprechen die Beteiligten über diese Sachen? Wie bereiten sie die Aufnahmesituation vor, wie bereiten sie sie nach? Wie wird beispielsweise das Gespräch zwischen LehrerInnen und Eltern auf einem Elternsprechtag weitergetragen? Was machen die LehrerInnen eigentlich daraus? Wie fließt das in ein Lehrer-Lehrer-Gespräch ein? Wird auf einer Notenkonferenz darauf Bezug genommen? Dies sind alles Informationen, die nicht während der primären Aufnahme entstehen, aber für deren Interpretation und Zweckbestimmung entscheidend oder mit wichtig sind. Die zusätzlichen Informationen müssen die ForscherInnen durch teilnehmende Beobachtung und durch biographische oder andere Interviews mit den Beteiligten versuchen zu erhalten. Hinzu kommt der Arbeitsschritt, dass man genau diese Meinung der Feldakteure über sich selbst, über ihre Praxis abgreift und erhebt. Dieses kann mehr oder weniger systematisch gestaltet werden: Systematisch im Sinne von explizit arrangierten Interviewleitfäden und narrativen biographischen Interviews, weniger systematisch im Sinne von informellen Gesprächen am Rande der Aufnahmen, die man auch nicht immer aufzeichnen kann. Interviews sollte man natürlich immer selber aufnehmen. Kann man als ForscherIn die Interviews nicht selber durchführen, sollte man sich stattdessen Feldnotizen machen. Grundsätzlich sollte ein Feldtagebuch geführt werden, in dem alle Beobachtungen, Ideen, Einfälle, Begegnungen aber auch Erscheinungen von Parteilichkeit und Identifikation festgehalten werden. Sollten dennoch Aspekte der Aufnahmen undeutlich bleiben, besteht die Möglichkeit einer Metasitzung mit den Untersuchten zu einem späteren Zeitpunkt. Reinhold Schmitt beispielsweise führt das in seiner Unterrichtsforschung mit LehrerInnen durch: Er setzt sich immer wieder mit den LehrerInnen zusammen und geht einzelne Unterrichtssequenzen durch (vgl. Schmitt 2011). Natürlich finden an dieser Stelle Überschneidungen mit den Interviews statt; das sind beides ergänzende Methoden im Rahmen der ethnographischen Gesprächsanalyse. Bei einer interaktionsanalytischen Fragestellung stehen diese aber nicht primär im Fokus, sind dennoch notwendig, um das Hintergrundwissen und die Kontextualisierung zu erlauben.

  • Dokumentation: In der Interaktionsforschung sollen die semiotischen Produkte als Zusatzwissensbestände gesammelt werden, um die Daten kontextualisieren zu können.

  • Teilnehmende Beobachtung: Dieses ethnografische Verfahren zielt darauf ab, mehr soziale Ereignisse des Typs zu beobachten als nur die, die aufgenommen wurden. Dies erlaubt eine präzisere Abschätzung davon, wie repräsentativ und typisch die Dokumente sind: Wie verläuft eine vergleichbare Situation, wie bereiten sich die Beteiligten vor, wie werden die Produkte der Interaktion weiter verarbeitet; beispielsweise welche Schlussfolgerungen ziehen die LehrerInnen aus einem Lehrer-Eltern-Gespräch?

  • Memoschreiben und Feldtagebuch: Aufschreiben von Begegnungen, Notizen zu Beobachtungen zur Parteilichkeit, Identifikation und Funktionalisierung

  • Felddokumente (Fotos, Publikationen etc.)

  • Fragebögen

  • Interviews: Systematische biographische Interviews sollen die Meinungen der Beteiligten über sich selbst ermitteln; daneben gibt es auch unsystematische (informelle) Gespräche

  • Gruppendiskussionen

  • Metasitzungen mit den Untersuchten, wenn die Beteiligten an der Forschung Interesse haben, gemeinsame Datensitzungen sowie Diskussionen.

Ergänzende Methoden sind im Rahmen einer ethnographischen Gesprächsanalyse möglich.

Vorüberlegungen bei der Erhebung von Gesprächsaufnahmen

In diesem Leitfaden von Jenny Winterscheid und Thomas Schmidt (hier auch als PDF-Datei) werden einige der wichtigsten organisatorischen und technischen Aspekte erörtert, die es bei der Planung und Durchführung von Aufnahmen zu beachten gilt.

Literatur

  • Berkling, Heike (2010): Lösungsorientierte Beratung. Handlungsstrategien für die Schule. Stuttgart: Kohlhammer (Fördern lernen Beratung, 11).

  • Deppermann, Arnulf/Schmidt, Axel (2001a): Dissen: Eine interaktive Praktik zur Verhandlung von Charakter und Status in Peer-Groups männlicher Jugendlicher. In: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie (OBST) 62, Themenheft ”Sprech-Alter” (hg. von Helmut Gessinger und Svenja Sachweh), S.79-98.

  • Deppermann, Arnulf/Schmidt, Axel (2001b): Hauptsache Spaß – Zur Eigenart der Unterhaltungskultur Jugendlicher. In: Der Deutschunterricht 6/2001, S. 27-37.

  • Deppermann, Arnulf/Neumann-Braun, Klaus/Schmidt, Axel (2002): Identitätswettbewerbe und unernste Konflikte: Interaktionspraktiken in Peer-Groups. In: Merkens, Hans/Zinnecker, Jürgen (Hg.): Jahrbuch Jugendforschung 2/2002. Opladen: Leske und Budrich, S. 241-264.

  • Deppermann, Arnulf/Neumann-Braun, Klaus/Schmidt, Axel (2003): Vom Nutzen des Fremden für das Eigene. Interaktive Praktiken der Konstitution von Gruppenidentität durch soziale Abgrenzung unter Jugendlichen. In: Merkens, Hans/Zinnecker, Jürgen (Hg.): Jahrbuch Jugendforschung 3/2003. Opladen: Leske und Budrich, 2003, S. 25-56.

  • Garfinkel, Harold (1963): A conception of, and experiments with, "trust" as a condition of stable concerted actions. In: Harvey, O. J. (Hg.): Motivation and social interaction, New York: Free Press, pp.187-238.

  • Hennig, Claudius; Ehinger, Wolfgang (2012): Das Elterngespräch in der Schule. Von der Konfrontation zur Kooperation. 6. Aufl. Donauwörth: Auer (Auer Grundschule/Sekundarstufe I + II).

  • Jensen, Elsebeth; Jensen, Helle (2008): Dialog mit Eltern. Gelungene Lehrer-Elterngespräche. 2., überarb. Aufl. München: Voelchert.

  • Kaplan, Abraham (1964): The conduct of inquiry: methodology for behavioral science. San Francisco, CA: Chandler.

  • Kohn, Martin (2011): Erfolgreiche Elternarbeit. 1. Aufl. Berlin: Cornelsen Scriptor (99 Tipps. Praxis-Ratgeber Schule).

  • Labov, William (1980): Einige Prinzipien linguistischer Methodologie. In: Ders., Sprache im sozialen Kontext. Königstein/Ts. S. 1-24.

  • Lanig, Jonas; Marks, Thoralf; Sponheuer, Carolin (2013): Elternarbeit. Den Dialog mit den Eltern konstruktiv gestalten. Berlin: Raabe (Perspektive Lehramt).

  • Pomerantz, Anita/Fehr, B. J. (2011): Conversation Analysis: An approach to the Analysis of Social Interaction. In: van Dijk, Teun Adrianus (ed.): Discourse Studies: A Multidisciplinary Approach. London: Sage. pp. 165–190.

  • Schegloff, Emanuel (1968): Sequencing in Conversational Openings. In: American Anthropologist 70, pp. 1075-1095.

  • Schegloff, Emanuel (1979): Identification and Recognition in Telephone Conversation Openings. In: Psathas, George (ed.): Everyday Language. New York: Irvington, pp. 23-78.

  • Schmitt, Reinhold (Hrsg.) (2011): Unterricht ist Interaktion! Analysen zur De-facto-Didaktik. 240 S. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache - amades (amades - Arbeitspapiere und Materialien zur deutschen Sprache 41).

  • Schütte, Wilfried (1991): Scherzkommunikation unter Orchestermusikern. Interaktionsformen in einer Berufswelt. Tübingen: Narr, (Forschungsberichte des Instituts für deutsche Sprache 67).

  • Seeger, Norbert; Seeger, Rita (2010): Das professionelle Lehrer-Eltern-Gespräch. Ein Praxisbuch für lösungsorientierte, wirkungsvolle Beratungsgespräche. 1. Aufl. Augsburg: Brigg (Pädagogik).

Notes

1 : Die im FOLK-Projekt des IDS verwendeten Formulare stehen hier zum Download bereit: das Metadatenformular im Word- und im PDF-Format sowie das Sprecherdatenformular im Word- und im PDF-Format; die Word-Formate sind zum Ausfüllen am PC, die PDF-Formate zum Ausdruck und handschriftlichen Ausfüllen im Feld gedacht.


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